Umweltethik
Prof. Dr. Hans Hass
Die Thematik Umweltethik, Ökonomie ist eine außerordentlich umfangreiche und diffizile, und ich will versuchen, vielleicht einige Denkanstöße zu vermitteln und einigen Themen aus diesem Themenkreis, die mir bedeutend vorkommen, kurz zu skizzieren.
Umweltethik - Ethik leitet sich ja eher ab aus dem Verhalten zum Mitmenschen, als Wissenschaft von Sitten. Den übrigen Lebewesen gegenüber hat man ja nur vereinzelt ein ethisches Verhalten gezeigt. Man hat sich zwar bemüht, Tiere zu schützen, die gequält werden, aber man hat sich da hauptsächlich auf die Tiere beschränkt, die uns nahestehen. Im Großen und Ganzen hat Ackerbau und Viehzucht allein gezeigt, wie der Mensch eigentlich dieser Natur vollkommen egoistisch und auch rücksichtslos gegenübersteht und es auch stets als sein Recht empfunden hat, auch aus Sicht der Evolution durchaus im Recht ist, das Recht des Stärkeren. Es sind ja immer wieder besonders neue potente Arten aufgetaucht, die andere verdrängt haben, aber mit Entstehung des Menschen und seinen geistigen Fähigkeiten ist eben ein Lebewesen entstanden, das eben durch seine technische Entfaltung durch die Erweiterung der Fähigkeiten seines Körpers, seines Leistungskörpers - wenn wir das so nennen wollen - durch zusätzliche Einheiten, die man auch als Organe ansehen kann, ob das nun Werkzeuge oder Maschinen oder Organisationen sind, ist er eben der Umwelt gegenüber außerordentlich in Übermacht gekommen. Die Ökosysteme der Natur haben sich eben wieder dem Menschen angepaßt und seiner Veränderung dieser Welt, das hat zum Aussterben vieler Arten geführt und zur Entstehung anderer Arten. Erst in den letzten 5 Jahrzehnten hat sich nun gezeigt, daß die Übermacht des Menschen für uns selbst und für das gesamte Lebensgeschehen bedenklich wird. Wie bedenklich es ist, brauchen wir nicht zu sagen. Der Umweltschutz hat sehr viele Anhänger gewonnen. Die Schwierigkeiten, die hier vorliegen lassen sich vielleicht dadurch skizzieren, daß wir wirklich vor einer notwendigen Umwälzung der Werte in großem Ausmaß stehen. Bedenken Sie, drei Hauptwerte, die in der gesamten Evolution des Lebens stets eine positive Bedeutung hatten, positiv bewertet wurden, müssen neu bedacht werden. Diese drei Werte sind: Innovation, also Verbesserung, Wachstum und Vermehrung. Seit den fast 4 Milliarden Jahren haben diese Werte den Weg der Evolution entscheidend bestimmt. Verbesserungen haben sich stets fortsetzen könne - das Überleben des Bestgeeigneten. Innovation wurde dann in der Wirtschaft des Menschen zu einem ebenso positiven Wert, eindeutig positiv, überall wurde der Fortschritt als das Anstrebenswerte betrachtet, und der gesamte menschliche Fortschritt beruht eben auf Fortschritt. Wachstum und Vermehrung für alle Arten von Tieren und Pflanzen, die so fit waren, die wachsen konnten, die sich Vermehren konnten, verdrängten die anderen, setzten sich durch, setzten ihr Erbgut durch. Und in der Wirtschaft des Menschen pflanzte sich das wiederum fort. Wenn Sie Zeitungen über Wirtschaftsbelange aufschlagen, so ist eben von Produktionszahlen die Rede, von Absatz die Rede, ist von Wirtschaftswachstum die Rede. Also bis heute wurden diese Werte bestimmt nicht angezweifelt. Und plötzlich seit 5 Jahrzehnten selbst den Wissenschaftlern, die schon längere Zeit darauf hingewiesen haben, daß dieser technische Fortschritt einen bedrohlichen Umfang annimmt, selbst wir waren dann überrascht, daß die negativen Folgeerscheinungen so schnell und plötzlich in Erscheinung treten, wie das in den letzten 5 Jahrzehnten geschehen ist, und das macht ein Umdenken nötig, letztlich auch die Basis dieses Forums hier hat sich um so ein Umdenken bemüht und überlegt, was man da überhaupt tun kann und wie es die Thematik der Ethik berührt. Wir müssen uns hier heute fragen: Was können wir uns überhaupt noch an Fortschritt leisten? Wie weit können weiteres Wachstum und weitere Vermehrung noch stattfinden? - Sicher nicht ins Unbegrenzte. Ob wir schon heute an dem kritischen Punkt sind oder vielleicht erst in zehn Jahren oder in fünfzig Jahren ändert überhaupt nichts an der Grundfrage, daß wir umdenken müssen. Der Mensch und seine technische Macht können sich einfach nicht unbeschränkt auf einem Planeten beschränkter Größe ausbreiten, das ist nicht möglich der übrigen belebten Natur gegenüber und auch den Ressourcen dieses Planeten. Es stellt sich also die Frage: Was ist zu tun? Es gibt viele Leute heute noch, die lieber den Kopf in den Sand stecken und sagen: Nein, die Wirtschaft ist so mächtig, sie hat immer wieder einen Ausweg gefunden. Aber hier sagt der gesunde Menschenverstand, daß auf längere Zeit hier das Leben, so wie es jetzt ist, wie es jetzt anwächst, nicht weitergehen kann. Die heutige Situation, wenn ich sie kurz skizzieren darf, erscheint mir so, daß man erkannt hat, daß sehr viele Umweltschäden aufgetaucht sind und daß man auch eifrig bemüht ist, viel dagegen zu tun. Und jeder sagt sich: da sind schreckliche Dinge passiert, das wird einiges kosten, das müssen wir irgendwie ins Lot bringen. Aber die Grundüberzeugung heute, so wie ich es sehe, ist immer noch die, daß man sich sagt: gut, das muß geschehen, das muß repariert werden, aber dann kann das Leben genauso weitergehen wie bisher. Und das glaube ich, ist ein ganz fataler Irrtum, den man nicht wahrhaben will. Es gibt auch genug Leute, die sagen sich: mein Gott, die 20, 50, 60, 80 Jahre, die ich lebe, so lange wird es schon ausreichen. Ich glaube, das Verantwortungsbewußtsein gegenüber kommenden Generationen ist vielfach geringer geworden, angeheizt durch eine Gesellschaft, die sehr auf augenblicklichen Genuß, Vergnügen, Wohlstand ausgerichtet ist. Die Wirtschaft selbst - und ich soll ja gerade auch über die wirtschaftlichen Gesichtspunkte referieren - ist vielfach erfreut über diesen ganzen Vorgang, denn es kann ihr ja gar nichts besseres passieren, als wenn plötzlich alles sich entwertet, wenn plötzlich alles Bio werden muß, also wenn jedes Produkt verändert werden muß, wenn ein Bio-Nachttopf erfunden werden muß - um es ganz grotesk zu sagen. Alles muß Bio werden, also kann man der Konkurrenz gegenüber natürlich einen wunderbaren Stand. Aber genau das schadet eben dieser Umwelt. Wir müssen den Umschlag, den Umsatz nicht steigern, sondern ihn verringern, wenn wir die Atmosphäre entlasten wollen. Also, selbst viele Maßnahmen, die nach außen hin positiv erscheinen, sind es letztlich nicht, und dahinter stecken auch wieder finanzielle Interessen Einzelner, wie es eben so ist.
Notwendige Maßnahmen - ich will hier nur einige Gedanken skizzieren als Grundlage für eine Diskussion. Ich glaube, wenn man die Dinge so sieht, muß man vor allem erst eine Feststellung machen. Warum kann das Leben nicht so weitergehen, wenn alle diese kleineren und größeren Schäden repariert sind? Aus dem einfachen Grund: Weil wir an den Wurzeln angreifen müssen, den Wurzeln des Übels, wenn man so will. Und das sind zwei furchtbar heiße Eisen. Das erste ist die Geburtenexplosion, die Bevölkerungsexplosion, von der ja auch hier sehr offen die Rede ist, und das zweite ist das Wirtschaftswachstum. Ich möchte zur Diskussion stellen oder meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, daß all diese Behebung der augenblicklichen Umweltschäden, die aufgetaucht sind, all dieser gute Wille, der da dahintersteckt, letztlich nicht fruchtet, wenn nicht an diesen zwei Hauptübeln angesetzt wird. Wenn die Menschheit sich weiter so vermehrt, wie sie sich vermehrt, dann haben alle diese Maßnahmen nur eine beschränkte Bedeutung. Wenn sich die Menschheit in absehbarer Zeit weiter verdoppelt und vervierfacht und es so weitergeht, ist es undenkbar. Es widerspricht jeder Logik, daß das möglich sein soll. Das Zweite ist die Frage des Wirtschaftswachstums. Es ist ja geradezu grotesk, wenn Sie eine beliebige Zeitung aufschlagen heute, dann lesen Sie auf der linken Seite ein Jammergeschrei über schreckliche Umweltsünden, gegenseitige Vorwürfe, wer das verursacht hat usw. und der Wille das zu reparieren. Und Sie gehen zwei Seiten weiter, und dort sind Jubeltöne und Fanfarenstöße der Begeisterung: es ist ein neues Wirtschaftswachstum gelungen oder Trauer, daß kein neues Wirtschaftswachstum möglich ist, wobei es doch jedem vernünftigen Menschen klar sein muß, daß ein unbeschränktes Wirtschaftswachstum - gerade wo diese Technik und die Auswirkungen der Wirtschaft diese Umweltschäden verursacht haben - nicht möglich ist, daß es einfach so nicht geht. Nun ist das so wahnsinnig schwierig, wenn wir ein beliebiges Beispiel nehmen: die vielbesprochenen Autos, ihre Auswirkung, ihre Emissionen. Ich habe eine Schätzung gelesen, daß selbst wenn man die Autos halbieren würde, wenn man nur die Hälfte dieser Autos noch gestatten würde, daß selbst das noch keine wirkliche Verbesserung, sondern es würde bloß zum Stillstand führen, es würde zu keiner weiteren Verschlechterung führen. Die Halbierung der Autoproduktionen würde praktisch einen Niederbruch darstellen, das könnte die Marktwirtschaft heute unmöglich ertragen. Die Wirtschaft würde darüber zusammenbrechen. So plötzlich kann das also nicht geschehen. Es geht hier also um wirklich schwerwiegende Probleme, an die wir höchst plötzlich und weitgehend unvorbereitet gekommen sind. Ich glaube, wenn wir von möglichen Maßnahmen sprechen, scheint mir, was heute besonders wichtig wäre, wäre die Feststellung, wieviele Menschen kann jedes Land auf dieser Welt vernünftigerweise nach dem heutigen Stand der Dinge ernähren. Das müßte einmal festgestellt werden. Daraus geht schon einmal hervor, wieviel Menschen können wir ertragen. Ich persönlich würde schätzen: wenn wir bei 6 Milliarden stehenbleiben und dann nach Möglichkeit sukzessiv wieder auf 5 Milliarden zurückgehen, könnte die Menschheit sich ein sehr erfreuliches Leben leisten, ein sehr wünschenswertes Leben auch mit vielen technischen Möglichkeiten, aber dafür müßten Maßnahmen getroffen werden, daß die Menschheit nicht sich stattdessen unbeschränkt weiter vermehrt. Erstens einmal diese Feststellung - ich hatte schon einmal die Absicht, mich an Greenpeace zu wenden, ich würde sagen, daß das für Greenpeace oder Global 2000 eine wichtige Aufgabe wäre - daß man ein Plansoll vor sich hat, daß man sagt: so sieht es dort aus. Hier kommen wir auf sehr ethische Fragen, auf die ich gleich noch zurückkomme. Daß man sagt: wie weit ist es denn noch ethisch vertretbar, daß hier Menschen in die Welt gesetzt werden, in einem Gebiet, das sie unmöglich ernähren kann? Zweitens müßte festgestellt werden, welches Gesamtvolumen an Industrie unser Planet verträgt. Eine schwierige Frage, aber mit den heutigen wissenschaftlichen Mitteln zunächst einmal abschätzbar. Und aus diesen zwei Daten ließen sich dann Rahmenbedingungen berechnen für die Zukunft, was wir uns leisten können. Ein Thema, das gestern behandelt wurde von Professor Knoflacher: Brauchen wir alles, was wir haben?, das deckt sich sehr mit dieser Frage: Was können wir uns leisten? Und wir kommen auch an den Punkt der Frage - die hier behandelt wurde - einer objektiven Ethik, d. h., wir kommen hier zur Frage einer erzwungenen Abstimmung, die stattfinden muß zwischen der Menschheitsentwicklung insgesamt und der beschränkten Größe unseres Planeten, denn alle Gedanken, daß eine sich erweiternde Menschheit auf andere Planeten ausdehnen könnte, sind ja völlig uninteressant. Die würden ja an der Situation auf unserem Planeten überhaupt nichts verändern. Es gibt sicherlich noch weite Meeresgebiete, wo Rohstoffe gewonnen werden können und wo Nahrung gewonnen werden kann, aber all das eben in begrenztem Umfang. Die Problematik der Geburtenregelung ist ja eine sehr schwierige Problematik schon aus religiösen Gründen gerade im christlichen Raum. Auf der anderen Seite ist zu diskutieren, ob es denn nach christlichen Normen ethisch wirklich vertretbar ist, daß wenn man den Menschen so hoch einschätzt, wie das geschieht, daß man dann sein Zustandekommen jedem beliebigen Zufall überlassen soll als Ergebnis eines Zufallsaktes, eines Alkoholrausches oder irgend etwas. Ob man da nicht sehr gewissenhaft prüfen soll, ob überhaupt wirklich der Mensch das Recht hat, beliebige andere Menschen in die Welt zu bringen. Wir hatten hier jetzt eine Konferenz für Menschenrechte, und ich will einen sehr kuriosen Gedanken in die Diskussion werfen, den sie bestimmt alle ablehnen werden, aber der sich einfach aufdrängt, wenn man von Menschenrechten spricht. Könnte man da nicht auch davon sprechen, daß der ungeborene Mensch auch das Recht darauf hat, nicht geboren zu werden, wenn ihm überhaupt keine Voraussetzungen dafür geboten werden? Wir wissen ja von der Verhaltensforschung her, daß ein Kind einen persönlichen Partner braucht, eine Bezugsperson besonders in den ersten Jahren um sein Urvertrauen zu gewinnen. Wenn es diesen Partner nicht hat, dann erleidet es fast irreversible Schäden für sein ganzes Leben. Man spricht sogar von einem seelischen Krüppel dann in der Verhaltensforschung. Also, ist es eigentlich nicht ein Gebot der Ethik oder überhaupt der Menschheit und der Vernunft, zu sagen: bei unserer heutigen Situation kann ein Ehepaar 2 Kinder haben, oder jeder Mensch kann einen Nachkommen haben - aber jetzt kommt natürlich etwas Hartes, wenn ich das sage - wenn ich weit mehr Kinder will, müßte ich eigentlich ansuchen, ob eine Quote frei ist. Es gab ja auch Zeiten, wo ein Offizier nur Offizier sein konnte, wenn er nachweisen konnte, daß er standesgemäß leben kann. Auf unsere Zeit übertragen meine ich, daß man sich damit beschäftigen sollte, wie weit man eben Kinder beliebig in die Welt setzen kann und ihr Zustandekommen dann eben nicht unterbindet. Das ist eben ein sehr sehr schwieriges Problem, das sehr schnell auf uns zukommt und sehr schnell gelöst werden muß. Es ist sicher auch eine Ethik unseren Nachkommen gegenüber, sie in eine Situation zu entlassen, die nicht mehr ausweglos ist. Ich glaube, es ist falsch, die Augen vor dieser Problematik zuzumachen. Da von der Religion die Rede war, besonders vom christlichen Glauben und seinen Dogmen - die Religionen haben sich ja vielfach und in recht vernünftiger Weise den sich verändernden Forderungen der Zeit angepaßt, und es ist ja auch die Frage wenn wir an das Christentum denken, wie Christus, wenn er in der heutigen Situation hier säße, dann urteilen würde. Er hat ja sehr praktisch gesprochen und sich für das Positive und Vernünftige und Ethische eingesetzt. Wenn wir heute an eine Wand kommen, die dadurch gegeben ist, daß unser Planet nur eine gewisse Größe hat und das Leben mit seiner Technik sich schrankenlos ausbreitet, dann muß eine dem Interesse der Menschheit und der gesamten Natur entsprechende Lösung gefunden werden. Wirtschaftswachstum ist - wie gesagt - noch schwieriger. Der Mensch hat sich an den Fortschritt gewöhnt. Wir sind uns alle darüber klar, wieviel überflüssig erzeugt wird heute und daß der kulturelle Fortschritt des Menschen durch einen immer weiterlebenden Lebensstandard nicht unmittelbar berührt wird, daß es eher eigentlich darum geht, zu einer bescheideneren Lebensform zurückzufinden, zu einer geringeren Informationsüberflutung, zu einer geringeren Verlockung zu immer neuen Dingen und Aktivitäten, die alle sehr schön sind, aber wo wir uns überlegen müssen: können wir uns das weiter leisten oder können wir uns das nicht weiter leisten. Es sind so viele Fragen, die da auftauchen, wenn ich von Arbeitsplätzen lese, von Arbeitslosenunterstützung, vor allem von der Unzumutbarkeit von Arbeiten, daß es auf der einen Seite viele Arbeitslose gibt und auf der anderen Seite unzählige Arbeiten, die niemand ausführt, weil sie unzumutbar sind. Vielleicht muß das auch einmal überprüft werden. Nun, dieses Modell, das ich da entwickle, führt also dazu hin, daß man Normen erarbeiten sollte - das liegt heute sicher in unserer Fähigkeit - die für die nächsten 20, 50 100 Jahre sagen: das müssen wir im Hinblick auf die Bevölkerungsexplosion tun und den einzelnen Ländern verordnen, auf diese oder jene Weise müssen wir es eben dahin bringen in einem durchaus ethischen Ziel, daß wir uns nicht wie die Ratten vermehren und an uns selbst zugrunde gehen und daß wir die Wirtschaft beschränken. Dafür gibt es immerhin Modelle oder Vorstellungen, die ich schon für realistisch halte. Man könnte sich z. B. denken, daß man sagt: Diese Produktion ist genauso weiterzuführen wie bisher, sie deckt den Grundbedarf, den wir wollen, aber was darüber ist, was man Luxus im eigentlichen Sinn des Wortes nennen kann - im Sinne einer nicht unbedingt notwendigen Entwicklung - daß man diese Produkte sehr viel teurer macht und somit der Wirtschaft auch hilft durch höhere Gewinnspannen. Das würde sogar vielen Leuten zugute kommen, die in ihrem Imponierverhalten sogar es vielleicht willkommen heißen würden, wenn ein Mercedes eben zehnmal soviel kostet wie bisher, denn dann könnte einer, der so einen Mercedes fährt, wirklich imponieren. Also die Idee wäre die Staffelung von Luxusgütern, sie durchaus nicht verbieten oder abbremsen, aber sie in die Hand bekommen durch höhere Preise und durch höhere Gewinnspannen, die es der Wirtschaft erleichtern, diesen schweren Schritt zu tun, daß Produktionen eingestellt werden müssen. Irgendwie in dieser Richtung müßte man versuchen, schrittweise es zu erreichen, daß diese Wirtschaft so wie sie sich entwickelt hat, nicht zusammenbricht. Die Schwierigkeit liegt ja darin - es liegt ja nicht nur an den Autos, daß man sagt: ich fahre weniger; unser gesamtes Leben hat sich ja durch das Auto zum Beispiel verändert. Wir leben in einer ganz anderen Dimension. Wenn dieses Auto wegfällt, dann werden nicht nur die Tankstellen und die Autohersteller betroffen, sondern das tägliche Leben des einzelnen Berufstätigen; all das wird bis ins Mark getroffen. Also diesen Fortschritt jetzt zu bremsen, ist sicher außerordentlich schwierig aber auf der anderen Seite unabdingbar notwendig. Die Frage ist: wie kann das durchgesetzt werden? Zunächst einmal, wenn diese Normen erarbeitet werden, müssen sie veröffentlicht werden, damit man einmal ein nüchternes Bild hat, wie es mit uns aussieht. Es ist die Frage, wer das durchsetzen soll. Ist die UNO dazu fähig? Das ist sehr fraglich, weil hier so viele Lobbies, so viele Interessen, so viele Länder sind. Die UNO ist offensichtlich zu schwerfällig. Was vermieden werden muß, ist natürlich eine Weltdiktatur, aber es müßte schon ein Rahmengerüst erstellt werden, das unsere Freiheit einschränkt - das geht sehr den heutigen Tendenzen entgegen, die sagen: Freiheit über alles; aber in dem Fall liegt es ja gar nicht in unserem freien Willen, sondern in unserer Vernunft. Ich glaube, daß, wenn wir zu einem Ergebnis kommen wollen, sich die Ideologie eines Weltbürgertums stärker durchsetzen müßte. Ich glaube, hier wäre vielleicht auch bei der Jugend anzusetzen. Man muß immerhin bedenken: Die jungen Leute von heute zwischen dem zehnten und achtzehnten Lebensjahr, die sind ja in einem prägbaren Alter, die sind ja noch vielmehr anpassungsfähig an neue Gedanken als der erwachsene Mensch. Ich glaube, wer einmal 23 oder 24 Jahre als ist und einen Beruf hat, ist so vernetzt in den Bindungen, die er nun einmal eingegangen ist, daß es ihm gar nicht zuzumuten ist oder daß man es gar nicht von ihm erwarten kann, daß er wirklich radikale Änderungen durchsteht. Aber diese jungen Leute von heute, wenn man sie etwas genauer darüber unterrichtet, was da auf sie zukommt - man muß ja bedenken, die werden in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren an allen Druckknöpfen sitzen, die werden an allen wichtigen Positionen sein. Hier sehe ich schon die Möglichkeit, in ein, zwei, drei Generationen sehr viel Wichtiges zu erreichen. Mir scheint es doch sehr wichtig, daß eine Ideologie sich ausformt, die darauf hinausläuft, daß man sagt: Wir sitzen alle in einem Schiff. Diese verschiedenen Streitigkeiten, die wir haben, die Dissonanzen in unseren Ansichten, sie treten notwendigerweise in den Hintergrund, da wir auf einen Abgrund zugehen. Wir müssen das in zweite Linie stellen und sagen, das sind Einzelinteressen. Es gibt Interessen, die uns alle miteinander verbinden. Vielleicht ist hier eine Hoffnung, eine Chance für eine Ethik, für eine objektive Ethik, die sich daraus ergibt, aus einem Zwang, aus einer Notwendigkeit, die gar nicht mehr willkürlich ist, sondern die mit dem Computer errechenbar ist, wie sie sein muß, eine ganz pragmatische Ethik, möchte ich sagen. Das ist eigentlich der Überblick über die Anstöße, die ich hier geben wollte. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
- Referat gehalten in Würting, Dezember 1993 -
(C) Prof.Dr. Hans Hass