"Meine Filmarbeiten im Roten Meer.
Ein kritischer Rückblick"
Nur einer meiner Mitarbeiter an diesem neuen Film hat an einer früheren Expedition von mir teilgenommen: Das Faktotum XENOPHON. Sein ziviler Name ist Alfons Hochhauser. Steiermärker von Geburt, hat er 12 Jahre seines Lebens in Griechenland als Fischer verlebt. Dorther hat er auch den Spitznamen Xenophon. Er ist ein Kenner der Fischerei und der Meere, wie ich nicht vielen begegnet bin. Ich machte ihm bei meiner letzten Griechenland-Expedition ausfindig, und er begleitete uns damals als Dolmetscher und Seekundiger, und ich könnte mir heute kaum noch eine Exopedition ohne ihn vorstellen. Er ist etwa 45 Jahre alt, hochaufgeschossen, hager, und sieht etwa so aus, wie man sich Don Quijote vorzustellen pflegt. Er hat die Aufgabe, unsere diversen Geräte in Ordnung zu halten. Ausserdem ist er ein guter Koch. Die letzten Jahre verbrachte er als Holzkohlenbrenner in den steirischen Bergen. Er war sehr glücklich, als er hörte, dass es nun wieder ans Meer ginge.
Bei 47 Grad im Schatten und bei einer Wasserwärme von Bluttemperatur machte unser erster Kameramann schlapp. Die mörderische Hitze schlug ihn mit Ohnmacht k.o. Für ihn sprang LEO ROHRER aus Wien ein. Er hat die unvorstellbaren Strapazen, an diesem heissestem Punkt der Welt, bis zum guten Ende überstanden. Seine Vorgeschichte ist nicht weniger abenteuerlich als die des Xenophon. Leo las vor Jahren mein erstes Buch "Jagd unter Wasser" und begann darauf sich in der Donau und anderen Gewässern im Umkreis, als Unterwasserjäger zu versuchen. Dabei kam er mit den Fischereibehörden in Konflikt. Das Stechen von Fischen war nicht im Rahmen einer Fischereierlaubnis vorgesehen. Nun beschaffte sich Leo ein ähnliches Tauchgerät wie ich selbst es verwende, startete seine verbotenen Raubzüge von einem versteckten Punkt und durchstreifte die Donau unter Wasser, wo ihn kein Fischereiaufseher beobachten konnte. Dabei stiess er mit seiner Harpune auf Welse und Hechte von nicht gekannter Grösse. Diese alten Herren gingen nicht an die Angel und waren ihrer Sache so sicher, dass man sie leicht aufspiessen konnte. Durch den Verkauf dieser Fische brachte sich Leo durch die schwere Hungerzeit nach dem Krieg. Schliesslich wurde er von den Fischereibehörden, die von seinem frevelhaften Treiben doch Kenntnis erhielten, auf 20.000 Schilling Schadenersatz geklagt. Doch mangels an Beweisen wurde er wieder freigesprochen.
Mein zweiter Tauchassistent war GERRY WEIDLER, ebenfalls ein guter Schwimmer. Sodann begleitete mich EDUARD WAWROWETZ, ein Tontechniker, die die Spezialapparaturen, die wir auf dieser Expedition erprobten, bediente. Wir hatten sowohl Unterwassermikrophone als auch einen Unterwasserschallsender, um das Verhalten der Fische Tönen gegenüber zu untersuchen. Auf unserem arabischen Sambuk luden wir eine grosse Lichtmaschine, so dass wir die Magnetophonvorrichtung auch draussen im Meer verwenden konnten. Bei der entsetzlichen Hitze hatte Eduard eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Wir waren diesmal bemüht, alle Geräusche ober und unter Wasser für unseren Film gleich original festzuhalten. Unser Film dürfte damit der erste Unterwasser-Tonfilm sein.
Am meisten überraschte durch ihre Leistungen meine Sekretärin, LOTTE BAIERL, die ursprünglich gar nicht zur Expeditionsteilnahme vorgesehen war, da ich es ablehnte, eine Frau an einer Expedition teilnehmen zu lassen. Lotte hat es mit weiblicher Überredungskunst doch zuwege gebracht und ich muss sagen, sie hat sich am besten gehalten von allen anderen Teilnehmern. Sie war neben Xenophon zeitmässig am längsten mit mir am Roten Meer und hat an allen unseren Aktionen teilgenommen. Obwohl sie von zierlicher Gestalt ist, tauchte sie mit uns unter Haie und es kamen eine Reihe von Aufnahmen zustande, die Lotte auf dem gleichen Bild mit einem dieser gefürchteten Meeresbestien zeigt. In einem versunkenen Schiff ereilte sie ein Unglücksfall, der zum nachgestellten Gegenstand der Filmhandlung wurde. Auf dem Sambuk lebte sie mit 15 einheimischen Matrosen auf einem Deck, und hat es doch immer verstanden, nicht nur die Strapazen lächelnd zu ertragen, sondern trotz der Hitze ihren weiblichen Charme und ihr gefälliges Wesen zu bewahren. Eigentlich nahm ich sie als Skriptgirl und wissenschaftliche Assistentin mit, aber im Laufe der Monate wurde sie, neben Leo, zu meiner dauernden Begleiterin bei den Unterwasserfilmarbeiten. Segensreich wurde sie als Organisator für das Küchenwesen. Sie durchschaute, wenn Machmud oder Achmed mit der Abrechnung schwindeln wollte, und alsbald hatten diese gewitzten Araber höllischen Respekt vor ihr. Der Ruf ihrer Schönheit und Tapferkeit verbreitete sich weit im Sudan, eine Frau die zwischen Haifischen taucht war dazu angetan in einem fabelfreudigen Land, zur Bildung eines Mythos anzuregen. Sichtbarer Beweis dieser Bewunderung war ein an mich adressiertes Päckchen, das uns noch in den letzten Wochen der Expedition erreichte. Es enthielt Geschmeide feinster sudanesischer Arbeit aus reinem Gold und von beträchtlichem Wert. Ein arabischer Begleitbrief, den ich mir übersetzen liess, besagte, dass der Absender, ein reicher sudanesischer Plantagenbesitzer von Tokker, der Lotte nie gesehen, aber umsomehr von ihr gehört hatte, ihr diese Geschenke zukomme lassen wollte, als Zeichen der Bewunderung für ihren Mut seitens eines Unbekannten und als ein kleines Abschiedsgeschenk vom Sudan. Da ich der Ansicht war, dass Lotte sich dieses Geschenk redlich verdient hatte, erlaubte ich ihr es anzunehmen.Was mich selbst betrifft, so hat mich Lottes tapferes Verhalten und ihr reizendes Wesen so sehr gewonnen, dass ich nach Abschluss der Expedition den Wunsch empfand, sie zur ständigen Begleiterin zu gewinnen. In Kairo hielt ich um ihre Hand an.
Das Ziel meiner Expedition war die Erforschung der bis dahin unbekannten Unterwasserwelt des Roten Meeres, die Beobachtung von Meerestieren und ihren Lebensformen in natürlicher Umwelt, das Anstellen sinnesphysiologischer Versuche im freien Meer mit besonderer Berücksichtigung der Sinnesorgane der Haifische. Schon auf früheren Expeditionen habe ich die Beobachtung gemacht, dass diese Raubtiere ausserordentlich empfindlich gegen Druckschwingungen und Schallschwingungen im Wasser sind. Darauf zurückzuführen ist, dass man Haie durch einen unter Wasser ausgestossenen Schrei abschrecken kann. Ich habe im Verlauf der weiteren Beobachtungen festgestellt, dass die Perzeption durch Druckschwingungen im Wasser bei Meerestieren eine bedeutendeRolle spielt und bei meinem diesbezüglichen Versuchen erkannt, dass Fische durchaus nicht stumm sind, sondern auch eine gewissen Verständigung haben, und zwar erkennen und verständigen sie sich in der Art ihrer Flossenbewegungen und die dadurch ausgesandten Schwingungen. Ein zweites Ziel der Expedition wurde die Suche nach sagenhaften Meeresungeheuern, von denen uns Eingeborene erzählten. Wie es uns gelang, an diese Meeresungeheuer heranzukommen, wurde zum hauptsächlichen Inhalt der Handlungen des während der Expedition gedrehten Filmes. Ursprünglich hatte ich deshalb vor, ihm den Titel "Das Ungeheuer von Suakin" zu geben.
Wichtige Teilnehmer der Expedition, die auch im Film eine Rolle spielen, sind MACHMUD, der beste Fischer von Port Sudan, der uns zu der abenteuerlichen Fahrt auf dem Sambuk bewog, unser dicker Koch ACHMED und der noch dickere reiche Kaufmann und Schiffsbesitzer ABDUL WAHAB TACHLOWE. Machmud ist ein grosser Spitzbube, das habe ich schon auf meiner ersten Reise nach dem Roten Meer erkannt. Ich mietete damals eine Felucce, ein arabisches Segelboot mit zwei Mann: Machmud und O-Sheik. Das ganze kostete mich, die beiden Mann mitinbegriffen, einen Pfund pro Tag. Ich hielt es für gute Ordnung, dass Machmud jeden Abend das Pfund von mir abverlangte. Erst später erfuhr ich, dass von diesem Geld weder der Schiffsbesitzer Tachlowe noch der zweite Mann auch nur einen Piaster zu sehen bekam. Von dem Geld hat sich Machmud heimlich ein eigenes Schiff gekauft und als die Unterschlagung herauskam und ihn Tachlowe darum entliess, lud er mich ein, auf seinem eigenen Schiff weiter zu fahren und da mir Machmud eine unersetzliche Kraft geworden war, zahlte ich seine Schulden und nahm seinen Vorschlag an. Während der neuen Expedition waren Machmud und Tachlowe bereits wieder dicke Freunde und ich weiß bis heute nicht, ob es eine Lüge war, dass draussen im Meer Ungeheuer gesichtet worden sind. Auf alle Fälle bewog mich Machmud durch diese Erzählung einen grossen Segler des Tachlowe für teures Geld zu mieten und auf diesem haben wir dann unsere abenteuerliche Fahrt gemacht. Überall suchten wir nach den Ungeheuern und ich glaube Machmud war selbst am meisten überrascht, als wir am Schluss wirklich welche entdeckten. Wenn ich wieder eine Expedition in diese Gegend mache, werde ich sicher Machmud wieder mitnehmen. In unserem Film ist er sozusagen der einzige Schauspieler. Denn an diesem Mann geht das Naturtalent eines Komödianten verloren.
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