"Meine Filmarbeiten vor Curacao.
Ein kritischer Rückblick"
Expeditionsreflexion, 1944.

Die Filmausrüstung der Antillen-Expedition 1939 war denkbar einfach. Sie bestand aus einer Movikon K16 Kamera, einer wasserdichten Hülle und einer handlichen Kiste mit einigen 100 Meter Filmmaterial. Die Movikon hatte nur ein Objektiv mittlerer Lichtstärke (2,8?) dessen Tiefenschärfe so gross war, dass nur bei Aufnahmen unter einem Meter Entfernung gesondert eingestellt zu werden brauchte. Dies war natürlich ein günstiger Umstand, umsomehr die wasserdichte Hülle, welche Herr Steurer in Wien angefertigt hatte nur eben das Aufkurbeln des Federwerkes und das Auslösen von Aussen ermöglichte. Entfernung, Blende und Geschwindigkeit mussten darum vorher eingestellt werden. Stativ, Filter oder sonstiges Zubehör waren nicht vorhanden und auch nicht weiter erforderlich. An Filmen wurden ausschliesslich Kodak Umkehrfilme verwendet, die dann in New York entwickelt wurden. Sie haben sich ausgezeichnet bewährt, lieferten ein gutes Korn und vielfach bessere und kontrastreichere Bilder, als die während der Aegäis-Expedition gemachten Aufnahmen.
Die nach Curacao mitgebrachte Filmerfahrung war gleich Null, denn sie umfasste nur ein paar Streifen aus einem Sportclub und einige Unterwasserphotos aus einem Schwimmbad bei sehr trübem Wasser. Dieser Umstand hatte dann auch zur Folge, dass während der ersten Monate in Westindien fast überhaupt keine Filme gedreht wurden. Ich stand ja stets vor der Wahl entweder Foto- oder Filmkamera auf die Unterwasserpirsch mitzunehmen, und da ich nur bei den Fotos das Ergebnis durch anschliessendes Entwickeln überprüfen konnte, erschien es mir stets zweckmässiger zu photographieren, als Filmaufnahmen zu drehen, deren Ergebnis zweifelhaft bleiben musste. Ausserdem hielten wir es in Anbetracht des Umstandes, dass man bei Filmaufnahmen mit der Kamera nicht schwanken soll, für notwendig, bei Filmaufnahmen den Taucherhelm zu verwenden und dies war, wie schon in meinem Buch "Unter Korallen und Haien" beschrieben, recht mühsam. Vor allem wurde die Filmarbeit dadurch erschwert, dass schon in 8 oder 10 Meter Tiefe das Federwerk der Kamera versagte, was auf den dort wirksamen Druck zurückzuführen war. Eine Filmkamera ist ja bedeutend grösser als ein Robot, wie wir ihn benützten, so dass die erforderliche Unterwasserhülle mit entsprechend grösseren Seitenflächen dem Wasserdruck entsprechend grössere Angriffsmöglichkeiten bietet, sie zusammenpresst und dadurch den Ablauf des Filmes hemmt.
Ein weiterer Mangel war der, dass in entsprechender Tiefe durch den Wasserdruck der Auslöser selbsttätig eingeschaltet wurde, indem nämlich der durch die Stopfbüchse führende Hebel durch den Wasserdruck in das Kamerainnere gepresst und somit das Federwerk ausgelöst wurde. Dieser Mangel konnte durch ein kleines Holzstück behoben werden und bis zu geringeren Tiefen auch dadurch, dass man die Stopfbüchse stärker anzog, was allerdings wieder stärkeres Wackeln im Moment der Aufnahme im Gefolge hatte.
So kam es, dass während der ersten 6 Monate in Westindien nur ganz wenige Filmaufnahmen und keine einzige über Wasser gedreht wurde. Es muss hier noch eines Umstandes gedacht werden, der damals stark in die Waagschale fiel. Der Rahmensucher war nicht genau und wir konnten ihn nicht überprüfen. Wir haben darum später einige Aufnahmen gemacht und die probehalber nach New York zum Entwickeln gesandt und erst als wir das Resultat in Händen hatten war der rechte Ansporn für weitere Filmarbeit gegeben.
Nachdem die Filmkamera wie schon die Fotokamera mehrmals nass und zerlegt worden war, die Ablaufzeiten längst nicht mehr stimmten und wir das Filmmaterial monatelang mit uns herumgeschleppt hatten (glücklicherweise befand es sich in einer kräftigen mit Blech ausgeschlagenen Kiste in eine wasserdichten Gummisack) und auch unsere Abreise immer näherrückte, entschloss ich mich einmal für 14 Tage die Fotokamera beiseite zu legen und das Filmmaterial, das ja inzwischen möglicherweise schon verdorben war, möglichst schnell zu verdrehen. Da Arbeiten mit dem Taucherhelm zu dieser Zeit längst nicht mehr möglich waren weil wir einerseits keine Mittel für ein Boot besassen und andererseits auch unsere Pumpe nicht mehr gebrauchsfähig war, konstruierte ich mir aus Holz ein dreibeiniges Stativ mit drehbarem Kopf und einer Vorrichtung die sogar ein Schwenken nach Auf- und Abwärts ermöglichen sollte. Mit diesem unförmigen Vorrichtungen begab ich mich zu einer Stelle nahe der Hafeneinfahrt der St. Willems Bay, die durch eine Kalkbrennerei gekennzeichnet ist und schwamm von hier aus zu jenem schönen Korallenriff, das sich dort unweit von der Küste feldhaft ausbreitet. Dabei zeigten sich allerdings sofort zwei Mängel deren ich nicht gedacht hatte. Da hölzeren Stativ schwamm natürlich und ausserdem lief das Holz vom Wasser voll so dass es kaum noch möglich war die kunstvoll gefertigten Gelenke zu bewegen. Es wurde deshalb auf derartige Bewegungen verzichtet und zwischen den drei Stativbeinen mit einer Leine ein schwerer Stein befestigt, der es dann auch ermöglichte die Kamera auf dem Meeresgrund hinzustellen. Die praktische Arbeit mit dieser Vorrichtung war allerdings sehr unpraktisch und mühsam (wie schon in meinem Buch "Photojagd auf dem Meeresgrund" geschildert) und brachte mich schliesslich auf die Idee freihändig zu filmen und das unvermeidliche Schwanken durch entsprechend schnellere Ablaufgeschwindigkeit (Zeitlupenaufnahmen) auszugleichen. Dies war ein sehr fruchtbarer Gedanken, umso mehr es sich herausstellen sollte, dass mit leichter Zeitlupe gedrehte Unterwasseraufnahmen bedeutend wirkungsvoller sind, als solche normaler Geschwindigkeit. Die Bewegungen der Fische und Schwimmer sind in der Natur zu schnell, als dass das Auge ihnen mit Musse folgen könnte. Da, wie schon erwähnt die Kamera inzwischen etwas gelitten hatte und die Zeiten längst nicht mehr stimmten entsprach die Zeitlupengeschwindigkeit durchaus nicht mehr den angegebenen 48 Bildern pro Sekunde sondern nur mehr etwa 35, was gerade den rechten Wert ergab (die Aegäis-Aufnahmen wurden teilweise unter zu starker Zeitlupe gedreht). Die Belichtungszeit wurde entsprechend der bei der Photoarbeit gewonnenen Erfahrungen reguliert und wie schon gesagt erwiesen sich später die Aufnahmen grösstenteils als richtig belichtet. Aufgenommen wurden damals fast ausschliesslich Fische und zwar immer in dem gleichen Riff vor dem Kalkofen, das sich als sehr ergiebig erwies. Die Aufnahmen wurden ohne viel Mühe und nach dem Motto gemacht, möglichst schnell den vielen Film zu verschiessen. Ich schwamm darum immer wieder ans Ufer, legte frisch ein und sobald ich wieder im Riff war, richtete ich die Kamera auf alles was sich bewegte und liess das Federwerk abschnurren. Die Güte der Aufnahmen stand in keinem Vergleich zu der geringen Mühe mit welcher sie zustande kamen. Farbaufnahmen wurden nicht gemacht. In den letzten Tagen wurden dann noch einige Aufnahmen von Jörg und Alfred gedreht, eine Stichaufnahme kam nicht mehr zustande.

Ausarbeitung des Curacao-Materials

Dae Einführen der Filmaufnahmen nach Nord Amerika stiess auf grosse Schwierigkeiten, die nur mit Hilfe des Konsulates - und wenn ich mich recht entsinne - nicht unbeträchtlicher Kosten bewerkstelligt werden konnte. Die Filme gingen dann gleich an Kodak und wurden sodann bei Dr. Tretter von mir überprüft und provisorisch geschnitten. Diese Arbeit erfolgte leider ganz und gar nicht vorsichtig. Vielmehr verwickelte sich einmal das gesamte auf dem Boden liegende Material und ich nehme an, dass dabei mancher Kratzer entstanden ist. Wir bedachten damals noch nicht, dass das Material umkopiert werden sollte. Der Film wurde auch mehrfach gezeigt, sowohl in Amerika, als auch dann später in Japan und China. Umso erstaunlicher war es, dass die Filmstreifen trotz der etwa 20-maligen Vorführung sich tadellos umkopieren liesen und sogar durch diese Prozedur noch an Brillianz gewonnen haben. Das Korn war fast bei allen Filmen über Erwarten gut.
Gelegentlich eines Vortrages von Dr. Kaufmann in Wien spielte ich das Material vor, mehr um es zu zeigen, als mit der Hoffnung, dass man daraus einen Film machen könnte und kam daraufhin mit der UFA in Vertrag. Nun fehlte es in dem Material gänzlich an Überwasseraufnahmen wodurch eine nachzudrehende Rahmenhandlung erforderlich wurde. Zu diesem Zweck wurde Herr Schaad von der UFA verpflichtet, mit dem ich gemeinsam das Drehbuch zur Rahmenhandlung verfasste. Es wurde in sehr flüssigem, wienerischen Stil ausgearbeitet und war besser, als es dann im tatsächlichen Film zum Ausdruck gelangte. Diese Aufnahmen wurden mit beträchtlichen Schwierigkeiten in einem Wiener Bad gedreht und wenn ich mir nachträglich dazu eine Kritik gestatte, so muss Schaad folgender Vorwurf gemacht werden: Er achtete zu wenig darauf, dass klar gesprochen wurde. Der Dialog wurde dadurch undeutlich und stark überhastet, was zur Folge hatte, dass die witzigen Pointen gar nicht zur Geltung gelangten oder verstanden werden. Helli Servi war die einzige Schauspielerin, sie machte den Dialog lebendiger, als er sonst gewesen wäre[...].
Die Unterwasseraufnahmen des Mädchens im Schwimmbad wurden wiederum unter recht improvisierten Umständen mit einer ziemlich unbrauchbaren Unterwasserhülle aufgenommen und ausserdem auf verdorbenen Film und es war für uns alle sehr erstaunlich, dass sie trotzdem brauchbar geworden sind. Das Material war so verdorben, dass unregelmässige Linien sich über alle Aufnahmen bewegen, doch erhöht dies merkwürdigerweise recht eindrucksvoll den Anschein: "Unter Wasser".
Eine groteske Angelegenheit war dann die Reise nach Ragusa, wo noch die fehlenden Schwimmaufnahmen nachgedreht werden sollten. Ohne Geld unter den allerschwierigsten Umständen gelangten wir zu dritt nach Ragusa, während Schaad erst eine Woche später ankam, gerade als ich wieder Abfahren hatte müssen. Und auch dann bei den in meiner Abwesenheit gemachten Aufnahmen funktionierten weder Kamera noch gelangte es den Agfa-Film in die Kodakkassetten einzulegen (ich glaube hauptsächlich wegen geringfügigen Unterschieden in der Perforationsgrösse). Immerhin waren einige Aufnahmen brauchbar, vor allem die von Schaad mit einer Normalfilmkamera gedrehten Überwasserszenen.
Den Abschluss dieser abenteuerlichen und für Schaad recht nervenraubenden Tätigkeit machten die Aufnahmen im Rückpro-Atelier in Babelsberg. Dort war ohne mein Wissen inzwischen ein grosses Rückprobassin gebaut worden, in dem Schaad mit Wurzian und einem Hecht Stichszenen zu improvisieren versuchte. Als ich davon unterrichtet wurde verlangte ich von Kaufmann die sofortige Vernichtung dieser Aufnahmen, die meinen Ruf in höchstem Masse gefährlich sein mussten. Umsomehr, als ich in meinem Photojagdbuch gerade gegen die amerikanischen Trickfilme sehr scharf Stellung genommen hatte. Nach einigem Hin und Her blieb es dann bei einigen Bewegungsaufnahmen, die allerdings auch erst nach viel Aufregung zustande kamen. Sobald man nämlich das Wasser im Rückprobassin erwärmte vermehrte sich ein planktonische Algenart so schnell, dass binnen kurzem das Wasser für Aufnahmen zu trüb wurde. Wir weigerten uns jedoch bei kälterem Wasser zu arbeiten. Schliesslich kamen dann doch einige Bilder zustande.
Schnitt und alle sonstigen Pflichten oblag Schaad als Regisseur. Als wir den Film später zu sehen bekamen waren wir alle sehr erstaunt, wie viel daraus geworden war und deuteten dies als besonderen Verdienst von Schaad, doch nachdem ich heute selbst genügend Erfahrung besitze, muss ich dies Urteil revidieren. Schnitt und Regie sind in vieler Hinsicht flüchtig und mangelhaft. Die Synchronisation gelang gut. Beim Mischen wurde die Musik in zu aufdringlicher Weise in den Vordergrund gestellt. Bei der Kulturfilmzentrale wurde der Film wegen der Rahmenhandlung mit Helli Servi fast abgelehnt, in München auf einem Wettbewerb erhielt er keinen Preis. Im Titel ist der Name von Schaad als Regisseur am allergrössten gedruckt und jedenfalls ungebührlich im Vordergrund. Finanziell bedeutete dieser Film wegen des ungünstigen Vertrages durchaus einen Misserfolg, dass er überhaupt erschien, ist als meine Schuld zu buchen, da mir Kaufmann stets zugeredet hat, das Material für einen später zu drehenden Abendfilm zu verwenden. Die Premiere erfolgte in einem Berliner Wochenschautheater [...].

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