Kurt Hirschel -
Vom Ingenieur zum Kameramann
Horst Ackermann besuchte Kurt Hirschel in seinem Atelier in Stuttgart und bei Dreharbeiten auf Rügen. Wir erfahren etwas von einem abenteuerlichem Leben hinter der Kamera z.B. bei Hans Hass und Horst Stern. Hirschel gehört zu einer Generation Praktiker, von der es in der Zukunft nicht mehr all' zu viele geben wird. Wenn filmische Schwierigkeiten zu lösen sind und ein Dreh aus technischer Sicht besonders knifflig wird, dann ist Hirschel der richtige Mann hinter der Kamera.
Wie wichtig die Person hinter der Kamera ist, zeigen die Filme von Horst Stern. Als in den Jahren von 1969 bis 1979 erstmals die TV-Beiträge als "Stern's Stunde" den Weg in unsere Wohnzimmer fanden, war ein Mann maßgeblich an dem grossen Erfolg dieser Filme beteiligt.
Kurt Hirschel, Jahrgang 1926, zu Hause in der Nähe von Stuttgart. Mir begegnete Kurt Hirschel zum ersten Mal Mitte der 50er Jahre und zwar in einem Buch des bekannten Tauchpioniers Hans Hass. Es sollten über 40 Jahre ins Land gehen, bis ich Knirps von damals Kurt Hirschel die Hand schütteln durfte. Es ist nicht so ganz leicht, Leuten etwas aus ihrem Leben zu entlocken, die einen Packt mit der Zurückhaltung und der Bescheidenheit geschlossen haben. Hirschel arbeitete als junger Ingenieur bei Arnold & Richter (ARRI), als er mittags in der Kantine von seinem Chef, dem Konstrukteur Herrn Kästner, Hans Hass vorgestellt wurde. "Dass unser Gespräch von damals noch folgenschwer für mich und mein späteres Leben werden sollte, ahnte ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Etwa 6 Monate später - wir hatten gerade eine 35mm Entwicklungsmaschine in Brüssel installiert - erreichte mich die Nachricht, dass ich in 6 Tagen nach Hamburg zu Dr. Hans Hass kommen sollte, wo der Umbau des Forschungsschiffes "XARIFA" auf der Werft von Käser & Meyer kurz vor der Vollendung stand."
Die "XARIFA" wurde 1927 in England im Auftrag des amerikanischen Nähmaschinen-Königs SINGER als Segelyacht erbaut. Sie hatte eine recht abenteuerliche Vergangenheit und div. Besitzer hinter sich, als sie Hans Hass, quasi als Wrack, in Dänemark erwarb. Es kostete damals viel Mut und über 1/2 Mio. DM um aus dem traurigen Schiff - sie fuhr zuletzt in Kopenhagen Kohle - wieder einen schmucken Segler zu machen. Damals war sie die grösste europäische Segelyacht. "Hans Hass fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, auf der "XARIFA" als Bordingenieur, Kameramann und Fotograf anzuheuern. Das war ein verlockendes Angebot für mich. Die Aussicht, auf einer der schönsten Segelyachten damaliger Zeit die Weltmeere zu befahren, war einfach traumhaft."
Hirschel schlug ein und es begann 1952 ein Lebensabschnitt auf 44 Metern Schiffsplanken. "Um mich auch um die Kühlanlagen an Bord kümmern zu können, absolvierte ich noch schnell einen Chrash-Kurs bei der Firma Linde in Köln. Am 23. August 1953 liefen wir unter vollen Segeln von Hamburg aus. Tausende von Menschen säumten die Ufer der Elbe und wünschten uns winkend Gute Reise."
Die erste Reise ging als Forschungs- und Filmfahrt über den Atlantik in die Karibik und anschliessend zu den Galapagos Inseln. Auf dieser Reise entstand der Kino Film "Unternehmen Xarifa". Als Filmmannschaft wurden Konstantin Irmen Tschet und als Unterwasser-Kameramann der Engländer Henry James Hodges zusätzlich verpflichtet.
"Hodges verunglückte bei Unterwasser-Tonaufnahmen in der Karibik tödlich. Es war ein schwerer Schlag für die gesamte Crew." Der Film in Technicolor - der erste deutscher Produktion, teilfinanziert vom Herzog-Filmverleih mit DM 300.000,-- - wurde ein grosser Erfolg und ging um die ganze Welt. Als die "XARIFA" nach 9 Monaten Expeditions-Filmreise im Hafen von Genua fest machte, flatterten 11 Flaggen als Zeichen der besuchten Länder stolz von ihren Masten. Hirschel musterte für einige Zeit ab, um Hass nicht auf der Tasche zu liegen. In dieser Zeit arbeitete er als freier Kameramann bei vielen Produktionen und beschäftigte sich mit der Gründung eines eigenen Labors für Wissenschaftlichen Film. Hier kam ihm seine technische Begabung sehr zu gute. Viele Dinge, die für wissenschaftliche Filmaufnahmen benötigt werden, gab es nicht zu kaufen oder taugten nichts und mussten somit selbst angefertigt werden. "Und wenn es sich nur um eine Kamera-Bank handelte, wo wir mit Mikrometer Präzision Vor- oder Rückbewegungen einer Kamera exakt ausführen konnten."

Die Bilder zeigen Kurt Hirschel an Bord des Expeditions-Seglers "XARIFA" zum Ende der 50er Jahre.
Im Oktober 1957 ging es erneut mit der "XARIFA" und Hans Hass auf Filmexpedition. Hass hatte sich verpflichtet, zur Finanzierung dieser Forschungsreise 26 dreissigminütige Fernsehfilme für den Süddeutschen Rundfunk und die BBC zu drehen und sendefertig abzuliefern. Da für die Beobachtung scheuer Meeresbewohner eine Unterwasser-Fernsehanlage mit an Bord kam, musste Hirschel sich vor Reiseantritt noch in die Geheimnisse der Video-Technik einweihen lassen, was ihm bei Grundig ermöglicht wurde. Die Aufnahmekamera war eine FA 10, welche in einem wasserdichten Gehäuse der Firma Atlas aus Kiel steckte. Ein über 100 Meter langes Kabel führte zur Empfangseinheit. "Die Schwierigkeit war, die auf dem Monitor erscheinenden Bilder mit einer unserer 16mm Arri abzufilmen, ohne den wandernden Bildstrich mit aufzunehmen und später bei der elektronischen Filmabtastung durch Asynchronisierung schwarze Sequenzen zu bekommen."
Das "wobbeln", d.h. das Vibrieren der Zeilen, wurde mit Hilfe von Arnold & Richter und Herrn Dr. Teile vom Rundfunktechnischem Institut in Nürnberg gelöst. Das Abfilmen und fehlerfreie Senden war dann keine Schwierigkeit mehr. Wenn Kurt Hirschel bisher bei den Expeditionen nicht schon genug um die Ohren hatte, jetzt ging es richtig zur Sache. Gedreht wurde über und unter Wasser mit Bolex und Arri und zwar ausschliesslich auf 16mm schwarz/weiss und auch in Farbe. Während sich die Wissenschaftler auf dieser Reise in aller Ruhe ihrem Forschungsprogramm widmen konnten, hatten Hirschel und Hass die Filmarbeit zu bewältigen. Drehbücher standen nicht zur Verfügung, denn das Drehbuch schrieb das Abenteuer selbst.
Die Reise mit der "XARIFA" führte Hirschel vom Mittelmeer durch das Rote Meer, in den Indischen Ozean, zu den Malediven, nach Ceylon, die Nikobaren bis nach Singapore. Mit der Erfahrung aus fast 10.000 Seemeilen und vielen tausend Metern gedrehtem 16mm Filmmaterial und in jeder Hand einen Koffer, stand Hirschel Ende 1958 wieder an Land. Die "XARIFA" musste verkauft werden, da die DFG (Deutsche Forschungs Gemeinschaft) entgegen früherer Zusagen nicht sonderlich an einer finanziellen Unterstützung des Schiffes interessiert war. Die auf der zweiten "XARIFA"-Expedition von Kurt Hirschel mit gedrehten Filme fanden zum grössten Teil Aufnahme in die "Enzyklopaedia cinematographica" des Göttinger Institutes für den Wissenschaftlichen Film. Alle 26 Fernsehfolgen sind heute beim Jahr-Verlag in Hamburg als VHS Kassetten erhältlich.
Die Filmarbeit mit und für Hans Hass ging für Kurt Hirschel nach dem "XARIFA" Verkauf zu Ende und er wurde als Kameramann vom Süddeutschen Rundfunk übernommen. Ein Mann mit so vielen Jahren Dreherfahrung im Ausland, unter den widrigsten Bedingungen, fand hier bis zu seinem "Ruhestand"1990 einen festen Arbeitsplatz. In dieser Zeit entstanden unendlich viele Beiträge mit Kurt Hirschel als Kameramann. Ende der 60'ziger Jahre drehte Hirschel einen grossen Teil der Filme "Stern's Stunde".

Kurt Hirschel drehte für Horst Stern Ende der 60'ziger Jahre einen grossen Teil der Filme "Stern's Stunde".
Es muss nicht leicht gewesen sein, den Ansprüchen des äusserst schwierigen Horst Stern gerecht zu werden, aber Hirschel ist ein Besessener und so erinnert er sich, wie er mit seiner reizenden Ehefrau und Assistentin Helgard eine lange geplante Griechenland-Reise mit Kamera und Beleuchtungseinrichtung unternahm. Im Gepäck seine Hauptdarsteller "die Stern'schen Spinnen" und ihr Gelege. Eine extra von Hirschel konstruierte Alarmanlage mit einem speziellen Sensor sollte das Schlüpfen der Spinnen-Babys rechtzeitig ankündigen. Tat sie auch, und Hirschel mit Frau drehten nachts um 02:30 Uhr die faszinierendsten Bilder von schlüpfenden Spinnen, die je im Fernsehen gezeigt wurden. Ein ebenfalls herausragender Film war "Bemerkungen über den Rothirsch", der am Heiligen Abend 1971 ausgestrahlt wurde. Dieser kritische Film mit seinen exzellenten Aufnahmen schlug wie der Blitz unter dem Weihnachtsbaum ein. Ausserdem entstanden unter vielen anderen 50 biologische Lehrfilme in Hirschels Labor.
Wenn er so etwas erzählt muss man höllisch aufpassen, denn aus seinem Munde klingt das immer beiläufig und belanglos. Bevorzugt arbeitet Hirschel im Makro und Mikro Bereich. "Einzelbildbelichtung (Zeitraffer) oder Highspeed mache ich auch heute noch mit der Filmkamera. Ich drehe immer nach den jeweiligen Erfordernissen. Ob nun auf Betacam, klassischem Filmmaterial oder DV, ist vollkommen nebensächlich, das Einzige was zählt, ist das spätere Ergebnis. Es lassen sich heute mit geeigneten DV-Kameras hervorragende Makro-Aufnahmen herstellen." Erst vor kurzem drehte Hirschel mit Volker Arzt einen Film "Killer Quallen" für die Sendereihe Naturzeit. Im Moment dokumentiert er für den WWF. Auf Rügen entsteht auf einem ehemaligen NVA-Militärgelände ein Touristenzentrum mit Naturkunde-Museen. Dort werden div. Video-Informationswände installiert, wo der Besucher auf Knopfdruck Filmdokumentationen abrufen kann. Das geht vom Schwarmverhalten der Heringe bis zur Fortpflanzung der Krabben. Eine Riesenaufgabe für einen besessenen Filmer.

Kurt Hirschel mit der aus dem Wrack der
"ELPHINSTONE" geborgenen Laterne
Als mir Kurt Hirschel später nach unseren vielen Gesprächen eine Schiffslaterne zeigte, die er 1958 bei seiner Filmarbeit aus dem Wrack der "ELPHINSTONE" in den Nikobaren barg, drehte er diese schon nachdenklich in seinen Händen. "Ja, so ist das Leben. Alles ist vergänglich. Wenn ich mir aber vorstelle, was ich noch alles realisieren will, dann muss ich mich ganz schön sputen." Sprach's und begann Ausrüstung einzupacken, denn am nächsten Tag ging es frühmorgens mit dem Flieger ans Rote Meer, nicht um Urlaub zu machen, sondern "...da muss ich noch einige Fische porträtieren!" Respekt und Hochachtung für einen 76-jährigen, den seine Arbeit mehr als jung gehalten hat.

Kurt Hirschel in seinem Filmlabor
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Expedition ins Unbekannte