Das Wrack der Toten
Englischer Titel: The Wreck of the Dead

Erstsendedatum SDR: 28.07.1974
43 min, 16mm Farbe, deutsche und englische Fassung.
Südfunk Stuttgart (SDR) und ORF.
Zweite Kamera: Al Giddings
Musik: Hans Hass jr.

 
Al Giddings

 

Inhalt:
Der amerikanische Taucher und Kameramann Al Giddings (drehte u.a. die Unterwasseraufnahmen für James Bond-Filme und den Spielfilm "Titanic", 1998) taucht in ein wiederentdecktes, 1943 bei Truk Lagoon durch die US Air-Force versenktes, japanisches U-Boot. Die Leichen der darin ertrunkenen Seeleute werden geborgen und nach Japan zurückgebracht. Hans Hass stellte von Al Giddings‘ original Filmfassung in Wien in Zusammenarbeit mit dem Autor die deutsche Fassung her.
Contents:
In Truk-Lagoon, the US Air Force bombed and sank more than 50 Japanese ships. American diver Al Giddings enters a newly discovered giant submarine and finds the remains of the dead sailors whose bones are then cremated and returned to Japan. Hans Hass re-edited this proof of excellent underwater photography and presented it to the German audience.

Hintergrund:
Es war der 19. Juni 1944, 6 Uhr früh: Io Okamura, Matrose auf dem japanischen U-Boot "I 69", hat sich verspätet. Er steht am Strand der Truk-Lagune, dem japanischen Flottenstützpunkt, und will als letzter zu seinem U-Boot "Tauchender Riese" ("Shinohara")übersetzen.
6.02 Uhr: Ein Orkan bricht über den Marianen los, ein Sturm aus Blei und Sprengstoff. US-Flugzeugträger haben ihre Kampfstaffeln zum Angriff auf einen Teil der japanischen Flotte befohlen, der vor den Inseln zwischen Hawaii und Japan auf den Feind lauert. Es ist eine Revanche für den japanischen Angriff auf Pearl Harbour.
Wie Hornissen schiessen die US-Maschinen aus der dichten Wolkendecke und bringen in dieser entscheidenden Schlacht im Pazifik den Tod für den Stolz der japanischen Kriegsmarine.
Noch in der ersten Angriffswelle wird für die "I 69" das Kommando zum Untertauchen gegeben. Der massige Stahlkörper gleitet unter die Wasseroberfläche. Er wird nie wieder auftauchen: Im vorderen Teil des U-Bootes konnten die Ventile nicht mehr rechtzeitig geschlossen werden. Die "I 69" kann aus eigener Kraft nicht mehr den Meeresgrund verlassen, sie wird zum Sarg für die 80köpfige Besatzung. Nur Io Okamura, der das vernichtende Schauspiel vom Strand aus miterleben musste, entgeht dem Tod!
29 Jahre dauert es, bis wieder ein Mensch mit dem Schicksal der "I 69" konfrontiert wird. An einem Sommertag im Jahr 1973 findet der amerikanische Taucher Al Giddings während einer Unterwasserexpedition in den Marianen den japanischen Schiffsfriedhof auf dem Grund vor der Truk-Lagune.
Mit seinem fünf Freunden macht sich Al Giddings daran, die Luke des U-Bootes "I 69" zu öffnen. Was sich der Kamera von Giddings im Inneren des gestrandeten Sarges bietet, ist selbst für den harten, abenteuerlustigen Al fast zuviel: Menschenknochen haben sich in Maschinenteilen verfangen, die Köpfe der Besatzung sind in den hinteren, tieferliegenden Teil des Bootes gerollt. Trotzdem tauchen Al und seine Freunde noch oft hinunter zu dem Totenschiff, um ihre Entdeckung in allen Details zu filmen und die Gebeine der Toten sowie einige Habseligkeiten zu bergen. Hans Hass, der sich finanziell an dieser "Expedition Schiffsfriedhof" beteiligt hat, hielt gemeinsam mit Giddings die Bergung in einer Filmdokumentation fest.
Als Hass von Al Giddings über die ungewöhnliche Entdeckung erfuhr, flog er nach Hawaii und ließ sich zu den Marianen bringen. Es war nicht die berufliche Neugier, die Hass an den Ort des Geschehens trieb: "Ich bin ein grosser Verehrer der Kultur Japans", sagt er, "und deshalb musste ich daran interessiert sein, hier etwas zu tun. Von früheren Ereignissen weiß ich, wie sehr die Japaner aus religiösen Gründen daran hängen, ihren Toten eine ihnen zustehende Bestattung zukommen zu lassen."
Also ergriffen Giddings und Hass die Initiative und ließen mit Unterstützung des japanischen Staates die Hinterbliebenen der "Toten von Truk" auf das Marianen-Eiland fliegen.
So gab es an einem Sommermorgen auf dem weißen Strand von Truk eine erschütternde Szenerie: Mit Totengesängen und unter vielen Trauernden wurden die Gebeine der "I 69"-Besatzung auf dem Scheiterhaufen zusammengetragen und verbrannt. Dann wurde die Asche in Urnen geborgen und heim ins Land der aufgehenden Sonne geflogen.
Etwas am Rande der ergreifenden Zeremonie stand ein kleiner Mann, dessen Gesicht wie versteinert wirkte: Io Okamura, einziger Überlebender der U-Boot-Katastrophe. Unentwegt starrte er auf zwei kleine Utensilien, die das Meer nach 30 Jahren aus dem Bauch der "I 69" freigegeben hatten: eine Blockflöte und ein kleines Notenbüchlein. Sie hatten einem Kameraden gehört, der das Drama von Truk nicht überlebte.

Zurück

(C) COPYRIGHT: Michael Jung 2002