Wir Menschen
Die Frage nach uns selbst: Versuch einer neuen Antwort.
Englischer Serientitel: "Man"

13 x 30 Minuten
Erstausstrahlung: 1966 (SW) / 1975-76 (Farbe)
Südfunk Stuttgart (SDR), ORF und BBC


Hans Hass (1965) mit seiner mit Spiegelobjektiv ausgerüsteten Kamera.

Inhalt:
"Erkenne Dich selbst!" stand als Mahnwort über dem tempel von Delphi. Dies ist auch das Leitmotiv dieser Fernsehserie. Hans Hass spezialisierte sich nach seinen Unterwasserforschungen auf das Lebewesen mensch und seine Stellung in der Evolution. Mit Hilfe eines von ihm entwickelten Spiegelobjektives filmte er in allen Weltteilen Menschen ohne ihr Wissen und veränderte gleichzeitig durch Raffung und Zeitlupe den normalen Zeitablauf. So wurde es möglich, den Menschen zu "entmenschlichen" und unser Verhalten frei von den Vorurteilen gewohnter Selbsteinschätzung kritisch zu analysieren.
Bei zehnfacher Beschleunigung zeigt zum Beispiel die Aufnahme einer Strassenkreuzung plötzlich Verhaltensmuster, die wir bei normaler Geschwindigkeit nicht erkennen. Umgekehrt enthüllt die Verlangsamung, was sich in den Gesichtern verändert, wenn ein Pygmäe, ein Lappe oder eine Chinese neugierig ist oder froh, wenn er ungeduldig wird oder misstrauisch. Sind diese Gesichtsbewegungen uns bereits angeboren und deshalb auf der ganzen Erde gleich? Oder sind sie durch Rasse und Erziehung beeinflusst?
Drei Jahre streifte Hans Hass, teils allein, teils begleitet von seiner Gattin und Irenäus Eibl-Eibesfeldt mit seiner "magischen" Kamera durch einsame und belebte Gegenden aller Länder und Erdteile. Ein Stierkampf in Mexiko, ein Ziegelmacher auf Bali, ein Liebespaar auf einem französischen Strand, eine chinesische Gemüsehändlerin bei einem Wutausbruch - und der Ausdruck von äußerster Wut, wie er am klassischen japanischen Theater dargestellt wird - alles dies gewinnt durch die besondere Brille des veränderten Zeitablaufs eine andere Bedeutung, ein neues Interesse.

Contents:
A series of 13 half hour programs produced for the BBC, German aud Austrian television. An analysis of world wide human behavior, using a new technique of unobserved shots in time conversion.

Die Titel der SW-Fassung (1966) lauten:

1. Expedition zu uns selbst ("Erkenne Dich selbst")

(Erstsendedatum SDR: 23.05.1966 )

2. Das Neugierwesen

(Erstsendedatum SDR: 06.06.1966)

3. Die künstlichen Organe

(Erstsendedatum SDR: 20.06.1966)

4. Das Seelenbarometer (Im Spiegel des Gesichts)

(Erstsendedatum SDR: 04.07.1966)

5. Das Freundschaftszeichen (Das Freundschaftswesen)

(Erstsendedatum SDR: 18.07.1966)

6. Das Ordnungswesen

(Erstsendedatum SDR: 09.08.1966)

7. Der Leistungstausch

(Erstsendedatum SDR: 12.09.1966)

8. Die Lebensspieler

(Erstsendedatum SDR: 26.09.1966)

9. Die Luftbewegungen

(Erstsendedatum SDR: 10.10.1966)

10. Das Gemeinschaftswesen

(Erstsendedatum SDR: 24.10.1966)

11. Das geprägte Wesen

(Erstsendedatum SDR: 07.11.1966)

12. Das wartende Wesen

(Erstsendedatum SDR: 21.11.1966)

13. Der Glückssucher

(Erstsendedatum SDR: 05.12.1966)

Die in Farbe (1975) fertiggestellten Folgen im einzelnen:

 

 

1. Der Ausgangspunkt (Erstsendedatum SDR: 28.12.1975)
Im Studio erzählen Hans Hass und Eibl-Eibesfeldt die Vorgeschichte, wie es zu dieser neuen Forschungsrichtung kam und was aus ihr wurde. Hass legt dar, wie ihn die Beobachtung der Meerestiere auf den Gedanken brachte, das Verhalten des Menschen vom Standpunkt eines außerirdischen Beobachters zu betrachten. Welche Teile unseres Verhaltensrepertoirs werden von Instinkten geleitet, welche wurden durch Lernen und Tradition erworben?
The Starting Point
Hans Hass explains how the observation of marine life suggested to him how a visitor from outer space might look at human behavior. In order to gain perpective on our traditional concepts Hass invented a new filming technique which helps us to find out which parts of our behavior are guided by instincts and which are acquired by learning and tradition.

 

 

2. Expedition zu uns selbst (Erstsendedatum SDR: 04.01.1976)
In diesem Programm werden Beispiele dafür gegeben, wieviel im menschlichen Verhalten angeboren ist, wie etwa die Grundelemente der Mimik und Gestik. Über die Einblicke in Verhaltensweisen, die man erst durch filmische Darstellung in Zeitlupe und Zeitraffer gewinnt.
Discovering Ourselves
In this program Hans Hass gives various examples of changed view we get by unobserved shots speeded-up or in slow motion. Using this method a pattern of behavior which we do not normally notice becomes visible.

 

3. Die Flamme der Neugier (Erstsendedatum SDR: 11.01.1976)
Eine Eigentümlichkeit, die den Menschen von seinen Tierverwandten unterscheidet, ist, dass sein Neugiertrieb bis ins hohe Alter hinein wirksam ist. Analyse des Neugierverhaltens, das die meisten Wirbeltiere nach dem Erreichen der Geschlechtsreife verlieren.
Our Curious Curiosity
Analysis of an inborn drive which the order vertebrates lose with maturity but which persists in man, inciting him to challenge the new.

 

4. Die verlängerten Hände (Erstsendedatum SDR: 18.01.1976)
Die verlängerten Hände. Der Mensch ist das Wesen, das sich "künstliche Organe" und "verlängerte Hände" schafft. Die Fähigkeiten und Besonderheiten der Hände, die dem Menschen die Herstellung von Werkzeugen, Waffen und Maschinen ermöglicht haben - und damit die Eroberung des Planeten.
The Artificial Organs
The special significance of the human hand which we owe to the fact that our ancestors climbed trees. Only with their help can we form tools, weapons, machines and other devices which have made us masters of our planet.

 

5. Das Schlachtfeld des Gesichts (Erstsendedatum SDR: 25.01.1976)
Schon Charles Darwin vermutete, dass die Grundbewegungen der Gesichtssignale dem Menschen angeboren sind - unbemerkt gefilmte Grossaufnahmen bei Afrikanern, Chinesen, Europäern, Indianern, Arabern etc. erbringen nunmehr den Beweis. Unbeobachtete Zeitlupenaufnahmen zeigen, daß es sich bei den meisten dieser Signale um angeborene Verhaltensweisen handelt.
Barometer of our Emotions
Analysis of how the special code of facial expressions has evolved in human beings. The unobserved shots in slow motion reveal that most of these signals are inborn.

 

6. Im Spinnennetz der Ordnung (Erstsendedatum SDR: 01.02.1976)
An zahlreichen Beispielen wird gezeigt, wie sich menschliche Ordnung entfaltete - im Strassenverkehr, im Beruf, in der Fabrik, wie sich der Mensch jedoch anderseits in dieser Ordnung verstrickt und dies Feindschaft, Brutalität und Krieg nach sich ziehen kann. Die Grundidee der Energontheorie. Über die verschiedenen Formen menschlicher Ordnung, die ein Produkt der Intelligenz sind, angespornt durch Instinkte.
The Orderly Being
About the many forms of the human order which are the product of our intelligence but which may be incited by a special instinct.

 

7. Die Waffen des Lächelns (Erstsendedatum SDR: 08.02.1976)
Ein besonders wichtiges Gesichtssignal ist das Lächeln. Mit hunderten anderer Gesichtszeichen kann sich Lächeln vermengen - und gewinnt dann die verschiedensten Einzelbedeutungen. Eine analytische Betrachtung des Lächelns und seiner Funktionen.
The Sign of Friendship
Analysis of the various functions of the human smile which a visitor from outer space would find difficult to decipher.

 

8. Der Austausch der Leistungen (Erstsendedatum SDR: 15.02.1976)
Die menschliche Intelligenz äussert sich darin, dass wir Ursache und Wirkung im Geist überblicken können, auch wenn sie räumlich und zeitlich weit auseinanderliegen. Analyse unserer beruflichen und handwerklichen Fähigkeiten. Über Erfolg und Geld als Mittler zu den Diensten und Leistungen anderer.
Barter of Skills
Analysis of our professional abilities and of how we succeed by our own work and achievement, through the mediator or money, in gaining almost every service and achievement of others.

 

9. Die Signale an die Umwelt (Erstsendedatum SDR: 22.02.1976)
Mit seinen Händen führt der Mensch zielführende Handlungen aus - sehr oft jedoch, wie es scheint, auch sinnlose. Über die Bedeutung und den Ursprung von Gesten und Gebärden im Gespräch, beim Gebet und beim Tanz.
Body Language
Of gestures which we use as additional signals, of their origin and their significance in conversation, prayer and dance.

 

10. Der Einzelne und die Gemeinschaft (Erstsendedatum SDR: 29.02.1976)
Der Einzelne und die Gemeinschaft. In dieser Folge wird der Mensch wie eine Ameise betrachtet - wird auch das Verhalten von Menschen in Gruppen jenem von Tieren in Rudeln gegenübergestellt. Parallelen werden in der gerafften Aufnahme deutlich und werfen Fragen auf. Wie sich Individuen innerhalb von Gruppen verhalten. Wie sehr in Wahrheit unser vermeintlich "freier Wille" von der Gemeinschaft beeinflußt wird.
The Community Being
The behavior of individuals in groups and crowds and an analysis to which extent our free will is in fact governed by society.

 

11. Das Kind und sein Lebensmuster (Erstsendedatum SDR: 07.03.1976)
Das Kind und sein Lebensmuster. Bei Tieren hat die Verhaltensforschung das Phänomen der Prägung nachgewiesen - beim Menschen erkannte bereits Freud, dass es in der Kindesentwicklung sensible Perioden gibt, wo äussere Reize spätere Verhaltensweisen bestimmen. Wie Kinder in bestimmten, sensitiven Phasen ihrer Entwicklung auf gesellschaftliche Werte, Schönheit und Ethik individuell für ihr späteres Leben geprägt werden.
Brain in the Making
This program deals with the development of the child and explains how, in certain sensitive periods, mental patterns are formed which influence our concept of values, ethics and beauty in later life.

 

12. Hinter den Gitterstäben des Wartens (Erstsendedatum SDR: 14.03.1976)
Über das Werkzeug seiner Phantasie vermag der Mensch in die Zukunft zu schauen - und was er von dieser Zukunft erhofft, darauf wartet er. Durch das Nervensystem bedingte tierische und menschliche Verhaltensweisen. Ein extremes Beispiel sind Stereotypien, die vom Individuum nicht unterdrückt werden können.
The Impatient Being
Analysis of the effects of nervousness in humans and animals, which reach a climax in sterotipic movements which cannot be suppressed.

 

13. Die Suche nach dem Glück (Erstsendedatum SDR: 21.03.1976)
Eine Zusammenfassung aller Gesichtspunkte menschlichen Verhaltens, die in dieser TV-Reihe diskutiert wurden. Im Anschluß daran eine Analyse eines typisch menschlichen Charakterzugs - die Suche nach dem persönlichen Glück. Fazit: Wir dürfen den gewohnten Wertungen nicht allzusehr vertrauen. Will die Menschheit nicht zugrundegehen und alles Leben auf der Welt zerstören, dann gilt mehr denn je das Mahnwort: "Erkenne dich selbst".
The Pleasure Seeker
Hans Hass summarize the view point presented in this series and analyze Man's most typical characteristic - the quest for please.

 

Hintergund:
Für den Südfunk Stuttgart (ARD, SDR), den Österreichischen Rundfunk und die BBC zwischen 1962 und 1966 produzierte TV-Serie über menschliche Verhaltensweisen in Zusammenarbeit mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Gedreht auf 16 mm Film, mit der Arriflex und Bolex mit Spiegelvorsatz. 1966 wurde diese in Farbe gedrehte Serie in Schwarz-Weiss ausgestrahlt - denn noch gab es kein Farbfernsehen. 1975 wurde die Serie neu bearbeitet und in Farbe ausgestrahlt (ARD, BBC). Die SW- und Farbversion dieser Reihe stimmen inhaltlich nicht ganz überein. Für die Farb-Fassung wurden Themen neu geordnet und Titel neu entworfen. Jede Folge konzentriert sich auf ein bestimmtes Instinktverhalten.
Mit Hilfe von Zeitdehnung, Zeitraffer und neuartigen Optiken gelingt es Hans Hass, menschliche Verhaltensweisen unbeobachtet auf Film zu dokumentieren. Hans Hass entwickelt eine neue, revolutionäre Kameratechnik, um Verhaltensweisen möglichst objektiv analysieren zu können: Durch einen vor das Objektiv gesetzten Spiegelvorsatz wird es möglich, Menschen ohne ihr Wissen zu filmen. Eine gleichzeitige Veränderung des normalen Zeitablaufes (Zeitraffer mit zwei bis sechs Bildern pro Sekunde und Zeitlupe mit 48 Bildern pro Sekunde) "verfremdet" die Vorgänge und normalerweise nicht beachtete Verhaltensmuster werden sichtbar. Hans Hass wollte mit dieser Methode versuchen, das Verhalten innerhalb menschlicher Gemeinschaften ebenso vorurteilsfrei zu beobachten, wie jenes der Fische in einem Korallenriff.
Die naturwissenschaftliche Bewertung des Menschen stiess damals auf erhebliche Kritik, war ihrer Zeit voraus. Ausserdem erwartete man, von Hans Hass Filme über Haie und Korallenriffe zu sehen.


Siehe dazu die Darstellungen von Prof. Dr. Hans Hass unter:

http://www.hans-hass.de

Zurück

(C) COPYRIGHT: Michael Jung 2002