Meeresgott Mbongo
Bis auf das fertige Drehbuch nicht realisiert
1947 - 1950

Das abenteuerliche Leben eines englischen Edelmannes
der in der Südsee zu einem Meeresgott wurde.
EMIL JANNINGS
In Freundschaft und Verehrung
gewidmet
EINLEITUNG
Die Aufzeichnungen, die diesem Buch zugrunde liegen, kamen auf merkwürdige und tragische Weise in meine Hand.
Es liegt dies heute schon viele Jahre zurück. Ich verbrachte damals mit einem Freund Phillipp fröhliche Tage an der Riviera. Wir hatten beide mehr Geld als gewöhnlich und nutzten das gründlich aus.
Einmal unternahmen wir mit zwei Mädchen einen Ausflug in Phillipps neuen Wagen. Wir wollten von Cannes aus bis nach San Raphael fahren und von dort dann weiter in die Berge.
Plötzlich tauchte ein grosser amerikanische Wagen hinter uns auf, der von einer blonden Frau gelenkt wurde. Er versuchte uns zu überholen, und da wir nicht in der Stimmung waren, uns überholen zu lassen, begann eine erbitterte Wettfahrt.
Villen und Gärten flogen an uns vorbei, Hunde jagten kläffend auseinander, Wäldchen verschluckten uns und spuckten uns gleich wieder aus - und gerade als der "feindliche" Wagen das Rennen für sich entschied, tauchte aus einem Seitenweg ein Radfahrer auf.
Alles weitere spielte sich furchtbar schnell ab. Ein heulendes Kreischen durchschnitt die Luft, der Wagen vor uns schlingerte wie in einem Schneesturm hin und her, dann gab es einen Krach, und während das andere Auto mit weiterem Getöse links abwärts über den Abhang verschwand, drehten wir uns wie in einem fröhlichen Walzer und landeten rücklings in einem Gartenzaun, der samt einer Hecke über uns zusammenbrach.
Keiner von uns war verletzt, aber von der anderen Strassenseite ertönten laute Hilferufe.
Der andere Wagen war über die Böschung hinabgestürzt, hatte sich dabei überschlagen und war mit voller Wucht gegen einen Baumstamm geprallt, zu dessen Füssen jetzt nur noch ein rauchender Haufen zertrümmerten Eisens lag. Und aus diesem Chaos drangen die Schreie hervor.
Ich war der erste zur Stelle und kam zurecht, um den Begleiter der blonden Frau, einen kleinen dicken Mann, aus seiner peinlichen Lage zu befreien. Er lag halb eingequetscht und zerrte verzweifelt an seinem rechten Bein. Mit vereinten Kräften bekam ich eines frei und ich riss ihn einige Meter weit zurück. Es geschah dies nicht eine Sekunde zu früh. Schon lohten Flammen vor uns auf und im nächsten Augenblick brannten die Trümmerhaufen lichterloh.
Die blonde Frau war aus dem Wagen geschleudert worden und lag gut zwanzig Meter weit von dem Platz entfernt zwischen einigen Algaven. Sie war bewusstlos und es erwies sich später, dass sie sich beim Sturz das Genick gebrochen hatte. Wir trugen sie in eine benachbarte Villa, und auch wenn ich mich mit dem Leben dieser Frau später nicht so sehr beschäftigt hätte, wären mir doch ihre Züge lange gegenwärtig geblieben. Sie war sehr schön und aus ihren blassen Zügen sprach deutlich das Leid einer unglücklichen Liebe.
Der kleine dicke Mann, ein Amerikaner, erwies sich als ihr Vater. Als er mich wiedersah, fauchte er mir ins Gesicht, warum ich ihn und nicht seine Tochter gerettet habe. Aber dann begann er unvermittelt zu weinen und schüttelte mir immer wieder die Hand. Es war schlecht um seine Nerven bestellt.
Bevor die beiden im Rettungswagen abtransportiert wurden, bat mich der Amerikaner noch, ihn unbedingt im Spital aufzusuchen - denn ich hatte, wie er sich ausdrückte, "bei ihm noch einen Wunsch frei". Er wollte mir auch noch seine Visitenkarte geben, doch der Arzt drängte und so fuhr der Wagen ab.
Wir kehrten nun nochmals zum Unglücksplatz zurück, wo sich inzwischen viele Leute angesammelt hatten. Der Baum, gegen den das Auto geprallt war, hatte selbst Feuer gefangen und unweit davon lag die Leiche des Radfahrers, die man mit Zeitungsblättern bedeckt hatte. Da ich einige Blätter wegflattern sah, kletterte ich den steilen Abhang bis zum Meer hinunter. Dabei entdeckte ich eine Aktenmappe, die offenbar aus dem Auto geschleudert worden war und sich in den Zweigen eines Baumes verfangen hatte. Sie war teilweise entleert und einige Blätter waren bereits davongeweht worden.
Ich suchte sie, soweit es ging wieder zusammen, und da es sich dabei um private Aufzeichnungen handelte, beschloss ich die Tasche dem Amerikaner bei meinem Besuch im Krankenhaus persönlich auszuhändigen.
Dazu kam es jedoch nicht. Im Hotel erwartete mich ein eilige Depesche und ich musste mit dem nächsten Zug abreisen. Da ich in wenigen Tagen wieder zurückzusein hoffte, liess ich das meiste Gepäck zurück - und darunter auch die Aktentasche, die ich in der Eile völlig vergass. Als ich mich einige Tage später wieder an sie erinnerte und es klar war, dass ich doch nicht so bald wieder zurückkehren konnte, schrieb ich Phillipp, er möge die Sache für mich erledigen. Nun hatte aber Phillipp das Hotel gewechselt und mein Brief wurde nicht nachgesandt. Kurz und gut - als ich nach sechs Wochen wiederkam, war die Tasche immer noch da.
Ich eilte sogleich zu dem Spital, doch die blonde Frau war noch am selben Tag des Unglücks verstorben und der Vater kurz nach dem Begräbnis abgereist. Für den Fall, dass ich mich melden sollte, hatte er mir seine Karte am Hotelempfang hinterlassen. Er war Besitzer mehrerer Warenhäuser in Chicago.
Ich sandte also die Tasche dorthin, doch kam sie nach einigen Wochen als unzustellbar wieder zurück. Der Adressat sei nach unbekannt verzogen.
Als ich mich unter diesen Umständen für berechtigt hielt, den Inhalt einer genaueren Prüfung zu unterziehen, stiess ich auf eine der merkwürdigsten Geschichten, die ich in meinem Leben gelesen habe. Es handelte sich um das Schicksal eines Aristokraten, der irgendwo in der Südsee auf einer Insel namens "Uru-Uru" als Meeresgott ein abenteuerliches Leben führte. Das Material umfasste Tagebücher, Briefe und Berichte, und ausserdem den Entwurf zu einer Buchbearbeitung. Die Tasche hatte nicht dem Vater sondern der verunglückten Tochter gehört, welche als Journalistin tätig gewesen war.
Ich empfand die Geschichte als so aussergewöhnlich, dass ich grosse Lust empfand, sie selbst fertig zu schreiben. Da ich auch viele Jahre in der Südsee verbracht habe, traten mir die Schilderungen besonders plastisch vor Augen und ich konnte auch sehr wohl nachempfinden, dass ihnen tatsächliche Geschehnisse zugrunde liegen mussten.
Ich bemühte mich nun, durch das Konsulat die neue Adresse des Amerikaners zu ermitteln und erfuhr dann durch einen Rechtsanwalt in Chicago, dass der Amerikaner gleich nach seiner Rückkehr allen Besitz verkauft habe und sich mit einem Diener und vielen Angelgeräten nach Melbourne in Australien abgereist sei. Von dort konnte ich noch in Erfahrung bringen, dass der Mann eine kleine Jacht charterte und in unbekannte Richtung abgesegelt war. Damit verlor sich seine Spur.
Da ich mich nicht gerne eines Plagiates schuldig machen wollte, musste ich meinen Plan einstweilen aufgeben. Die Manuskripte wanderten in eine Schreibtischschublade und sollten warten, bis der Amerikaner wieder auftauchte. Dass er mir meine Bitte nicht abschlagen würde, erschien mir gewiss. Umso mehr ich ja, wie er sich ausdrückte, "einen Wunsch bei ihm frei habe".
Die Jahre gingne vorbei, der zweite Weltkrieg kam und andere Probleme rückten in den Vordergrund - das Manuskript blieb wo es war. Da nunmehr 15 Jahre nach dem Unglück vergangen sind, zweifele ich daran, ob der Amerikaner noch lebt.
Trotzdem hätte ich nicht mehr an eine Veröffentlichung gedacht, wären nicht besondere Umstände eingetreten. Als ich vor kurzem wieder nach Österreich kam und dort auch meinen alten Freund Emil Jannings besuchte, war auch zufällig ein junger Wiener Wissenschaftler anwesend, der mit zwei Kameraden in der Karibischen See zwischen Korallenriffen getaucht war und Haie photographiert hatte. Als ich mich für seine Erfahrungen interessierte, zeigte er mir ein Buch von ihm mit einer Reihe ausgezeichneter Unterwasserphotographien. Und so kam ich meinerseits auf jene merkwürdige Geschichte zu sprechen, die noch immer in meinem Schreibtisch lag.
Ein Wort ergab das andere, und als wir abends wieder auseinander gingen, hatte mich Emil davon überzeugt, dass dies ein ungewöhnlicher Filmstoff sei. Er wollte ihn gerne selbst gemeinsam mit dem jungen Wiener, der schon Unterwasserfilme gedreht hatte, ausführen, und bewog mich dazu, die Geschichte nunmehr fertig zu schreiben. Bezüglich der Urheber-Verhältnisse wollten wir gemeinsam einen Rechtsanwalt aufzusuchen.
Dieser Mann hat uns dann auseinander gesetzt, dass nach der verstrichenen Frist und unter den gegebenen Umständen kein Rechtsbruch zu befürchten sei. Also machte ich mich mit viel Freude an die Arbeit und lege heute das Ergebnis vor. Ich habe mich bemüht, das Buch so auszuführen, wie die junge Amerikanerin es zu schreiben geplant hatte, und habe in ihrem Sinne alle Namen und näheren Bezeichnungen verändert.
Wenn es mir gelungen sein sollte, mich in den Stoff einzufühlen, dann wäre dies der einzige Verdienst den ich für mich buchen möchte. Sollte der Amerikaner, dessen Namen ich begreiflicherweise nicht nenne, doch noch am Leben sein, so bin ich selbstverständlich bereit, alle Rechte an dem Stoff wieder an ihn abzutreten. Andernfalls habe ich mir vorgenommen, die mir zufliessenden Mittel für eine Reise zu verwenden, auf der ich den weiteren Spuren des seltsamen Mannes nachgehen will, der Held dieses Buches ist und möglicherweise heute noch lebt.
Gregor von Montecuccoli
Rom, im Mai 1947
(C) Hans Hass
Hintergrund:
Drehbuch für einen utopischen Unterwasser-Spielfilm, wurde nicht realisiert. Emil Jannings (1884-1950), enger Freund von Hans Hass und Nachbar am Wolfgangsee, brachte Vorschläge in das Drehbuch ein und sollte als Comeback nach dem Berufsverbot der Alliierten die Hauptrolle übernehmen. Sein Tod am 02.01.1950 stoppte das Filmprojekt.
Geplante weibliche Hauptrolle: Hannelore Schroth.
Geplantes Pseudonym für Hans Hass: Gregor von Montecuccoli.
(C) COPYRIGHT: Michael Jung 2002